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study on people while waiting for the „study for strings“
7. September 2012, 14:50
Filed under: simple stories

 

am hauptbahnhof kassel ist eine arbeit von susan philipsz zu hören, die sich mit der vergangenheit des ortes in den 1940er jahren beschäftigt. über die lautsprecher ist ein konzert des jüdischen komponisten pavel haas zu hören, die den an- und abreiseort bahnhof in einen ort verwandelt, der spuren der geschichte trägt.

über die arbeit wird eine unsichtbare schicht erlebbar, die hier am „judengleis“ die normalität zwischen backshop und lautsprecherdurchsage massiv stört:

betrachtungsebenen

alle warten auf ein kunstwerk, das sich eigenwilliger weise der schnellen verfügbarkeit entzieht. eine frau fragt den dtour-guide, warum sie sich jetzt hier her gequält hätte; andere plappern ohne unterlass über gute und schlechte italiener in kassel, sie haben hunger, wollen endlich essen gehen. andere machen spassbilder am gleisende. wind kommt auf, verflacht, die sonne sticht.

endlich! setzen die streicher ein, beginnen ihr konzert „study for strings“, stille, andacht, der dtour-guide erzählt etwas von deportation, „ungeschütztem elend auf den gleisen“, neben dem normalverkehr, damals (wie heute). spätesten jetzt ist der betroffenheitsschalter umgelegt, jetzt gibt es kein zurück. die minen verziehen sich, ein mann weint, alle sind ergriffen.

auf dem höhepunkt dieses falschverstandenen zum betroffenheitstheater vergewaltigten werk beginnt eine junge frau neben mir ein gespräch, es platzt nahezu aus ihr heraus: sie stelle sich gerade die enge in den zügen vor, sie könne es richtiggehend spüren, das elend, die angst, den hunger – durchsage „auf gleis elf steht zur abfahrt bereit zug nach göttingen über eichenberg“ – ein mädchen antwortet der jungen frau: „cool, dass du das so spüren kannst. lass es zu!“ die cantus-bahn rauscht direkt neben uns vorbei. auf einem vorbeifahrenden zug steht „pure“ gesprayed.

20120907-144531.jpg

die gruppe hinter mir konnte sich, da man sich hier nicht auf das werk konzentrieren könne, auf ein restaurant einigen und ging. die führung musste wegen verzug schnell weiter, sich zum nächsten event ‚quälen‘. einer sagt er leide darunter, dass er keine betroffenheit spüre, gleichzeitig spricht ein endvierzigjähriger mann in sein iphone; es scheint ein gespräch mit seiner frau zu sein. es geht darum, dass er keinen spass mehr an der beziehung habe, zu wenig gute zeiten und sich nicht einmischen wolle in andere, „sorry, unsere“ beziehungen.

leise rauschen die züge um mich herum, es riecht nach heißem asphalt. himmelwärts ist alles offen, ein schmetterling zeigt den weg. fünf minuten warten auf zwei minuten streichkonzert scheint einigen zu lange.

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susan philipsz – study for strings – meiner meinung nache eine der stärksten arbeiten der diesjährigen documenta.

 

 

 

 

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