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the görlitz-tapes pt. 8 – görlitz on my mind1
4. Juli 2011, 17:45
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b20110704 Was bleibt von zweieinhalb Tagen Görlitz? Wir haben uns beide auf einen Weg begeben, der erst unter unseren Füßen entstand. Wir hatten kaum ein wirkliches Ziel, höchstens flüchtige Interessen und Freude an den Entdeckungen auf dem Weg. Durch dieses Finden von Menschen, Details, Geschichten, durch das sinnliche Erleben der Stadt sind wir sensibel für den Geist des Ortes, Neudeutsch würde man Spirit sagen, Altdeutsch Genius Loci, und konnten auf ein gewisse Weise mit den Menschen kommunizieren. Wir hatten Interesse, nicht ein Interesse, wir waren Wissbegierig, nicht Neugierig, wir hatten den Weg aber kein Ziel. Durch diese Eigenschaften konnten wir uns einlassen, die Zeit verstreichen lassen und uns gemeinsam mit den Begegnungen treiben lassen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass es unterschiedliche Arten des Flanierens gibt, die sich allerdings beide der gleichen „technischen“ Voraussetzungen bedienen. Den Stadtkörper konnten wir am ersten Tag kennen lernen, durch ein zielloses Herumstreifen durch die Stadt bzw. die Städte. Wir hatten nur rudimentäre Kontakte, was für das Erleben förderlich war. Es entstand eine Art geographischer Karte im Sinne Guy Debords und der Situationistischen Internationale, in die psychische, sinnliche, politische, ökonomische und städtebauliche Aspekte einflossen. Diese wurden teilweise vor Ort reflektiert und bestimmten an manchen Stellen den weiteren Wegverlauf. Diese Eindrücke wurden durch die kurzen Gespräche mit Passanten nicht unterbrochen oder beeinflusst.

Am zweiten Tag lernten wir die Menschen und die Seele der Stadt kennen. Anlass war zwar ein Spaziergang durch die Innenstadt, die sich uns am Vortag ja kontinuierlich entzogen hatte, um die übersteigerte Begeisterung Aller für Görlitz noch besser nachvollziehen zu können. An diesem Tag konnte uns die Stadt nicht überzeugen, zu viel ist überformt, zu viele offen klaffende und gleichzeitig gewaltsam geschlossene Wunden, zu viel Konfusion, Uneinheitlichkeit oder angenehme Mischung. Görlitz ist mittendrin in einer Entwicklung, die im schlimmsten Fall endet, wie die in Erfurt – in einer mit einer Hochglanzschicht überzogene Innenstadt, die vor allem Zeuge einer feindlichen Übernahme zu sein scheint. Es ist hier wie dort zu erahnen, wie großartig diese Stadt einmal gewesen sein muss, wie facettenreich und interessant, welcher Geist hier einmal gewohnt haben muss. In Görlitz waren es sicher schon immer viele Europäer. Umso hilfloser scheint das Stadtschild „Europastadt Görlitz/Zgorzelec“. Der europäische Geist, der Flair einer aufgeklärten internationalen Stadt kann nicht konstruiert werden, der muss wachsen und vor allem mit und durch die Menschen gelebt werden. Dafür wünsche ich Görlitz gutes Gelingen, das Potential, so denke ich, ist schon da.

Herzliche Grüße an alle hier im Artikel erwähnten Personen und meinen Begleiter PL. Ich werde sicher bald kommen und schauen, ob mein Rezeptvorschlag tatsächlich auf der Speisekarte von Christian Berndt steht, ob die Sterne im Hof von Dagmar Nolte wirklich direkt über dem Haus stehen, ob mein bestellter Reiseführer von 1900 eingetroffen ist und ob der Chai immer noch so gut schmeckt. Ferner möchte ich zum vierten mal Malina lesen, im Jakobstrassen-Refugium.

 

 

 

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