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the görlitz-tapes pt. 7 – tag zwei: menschen, seele, genius loci
3. Juli 2011, 14:00
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g20110630 Nachdem wir das Jakobstrassen-Refugium verlassen hatten und das Neißeufer von beiden Altstadtseiten inspiziert hatten, sind wir durch das langsame Schlendern auf interessante Details gestoßen und haben einige Bekanntschaften gemacht.

Schon gleich zu Beginn unseres Rundgangs, dessen Richtung wir mit Hilfe einer Münze dem Zufall überlassen haben, sind wir über eine offene Bücherkiste gestolpert, an denen ich nie vorbeikomme und auch dieses mal nicht. Es ist schon erstaunlich, wo man auf welche Bücher stößt – in dieser Bücherkiste habe ich „Die Masken der Sexualität“ von Camille Paglia und ein Kinderbuch von Gertrude Stein gefunden, beides für einen Euro. „Die Masken der Sexualität“ ist ein Tipp, den ich vor Jahren am Rande einer wilden Diskussion über Gender und Sprachregelungen von MZ bekommen habe. Momentan beschäftige ich mich wieder mit diesem Thema im Zusammenhang mit einer Publikationsreihe, die ich an meiner Arbeitsstelle betreue.

Gertrude Stein ist ein Bogen nach Paris, in die Zeit der großen Salons, wobei sie sicher einen der bekanntesten Zirkel unterhalten hat. Dali, Duchamp, Picasso, Joyce und viele mehr gingen bei ihr ein und aus. Sie führte ein strenges Regiment und warf die Gäste punktum aus dem Haus, wenn sie genug hatte. In Stuttgart habe ich unlängst ebenfalls in einer solchen Bücherkiste ein Kochbuch gefunden, das Alice B. Toklas, ihre Freundin und später auch Partnerin mit Rezepten versehen hat, die sie für Gertrude gekocht hat. Ein abenteuerlicher Ausflug in die französische Küche. Wollte ich in Görlitz französisch kochen, hätte ich gute Voraussetzungen, da allerhand Edelgeflügel, Wild und Wachteleier bei Christian Berndt in seinem Wild- und Geflügelladen sehr preiswert zu haben sind.

Im Duft gegrillter Wachteln saßen wir und haben uns gut mit Wildschweinbouletten und Wachtelspiegeleiern versorgen lassen. Berndt erzählte uns einige interessante Geschichten aus Görlitz und nebenbei auch seine eigene, wie er zur Wachtelzucht gekommen ist. Darüber hinaus, was Wachteln für ein Gemüt haben, wie man sie hält und wie man am besten mit Wachteleiern kocht und backt. Es war eine so schöne und herzliche Begegnung, dass wir uns kaum losreißen konnten und zum Abschied noch zwei von den gegrillten Wachteln mitgenommen haben, wenn WP wieder zu Besuch nach Berlin kommt. Der Duft dieser Delikatesse aus meinem Rucksack begleitete uns eine ganze Weile angenehm und erweckte das Aufsehen einiger Hunde auf der Straße, besonders aber den von Dagmar Nolte.

Dagmar Nolte betreibt in der Fußgängerzone eine Galerie, eine Kunstschule und ein kleines Kaffee. Die Galerie fiel so stark aus dem sonst so gedeckten Görlitzer Rahmen, dass ich eine Weile vor den Schaufenstern verbrachte und mich fragte, wer diese Bilder wohl gemalt hat. Pralles Leben schlug mir entgegen, Bilder, die den Rahmen sprengen, die das bändigende Format hinter sich gelassen haben und in den Raum hineinspringen. Nebenan ein kleines Kaffee, das normalerweise auf dem Fußweg stattfindet, aufgrund des schlechten Wetters aber fix für uns ins Innere des als Atelier und Verkaufsraum dienenden Gewölbes verlagert wurde.

Nolte war gestresst. Umzug, Vernissage, Chaos im Laden etc., servierte uns aber einen unglaublich guten Tee aus acht verschiedenen Grünteesorten. Das Richtigste, das man an solchen Tagen machen kann. Der kleine Ort, den sie für uns freigeräumt hatte strahlte eine so große Gemütlichkeit aus, dass wir uns kaum mehr losreißen konnten. Wir unterhielten uns lange über ihre Kunst, die mich sehr beeindruckt hat und neben verschiedenen Geschichten über Lebenswege, das Umland von Görlitz und Tipps zur richtigen Wahl des richtigen Graphit-Sifts zum Zeichnen der Landschaft um die Stadt, konnten wir einiges über Haussanierung in Görlitz erfahren.

Ihre eigenen Erfahrungen mit dem eben erst fertig gewordenen Refugium draußen, „wo die Sterne ganz nah sind“ und über Goldgräber, die nach der Wende, bis heute die Stadt unsicher machten und machen. Viele Glücksritter versuchten den Bürgern der Stadt mit scheinbar lukrativen Angeboten das Geld aus der Tasche zu ziehen. In vielen Fällen schafften sie dies ohne große Gegenwehr. Das Ergebnis ist nun aller Ortens zu bewundern. Görlitz hat sich in den letzten Jahren so stark gewandelt, dass selbst die Bewohner darüber nur staunen können. Was jetzt wieder hochkommt ist die Frage nach dem eigenen Erbe, der eigenen Vergangenheit und der eigenen Identität – als Individuum und kollektiv, als Stadt bzw. Doppelstadt, wobei das auf beiden Seiten nicht wirklich thematisiert wird. Die Beobachtung zeigt, dass die Görlitzer nach Zgorzelec zum Einkaufen und tanken fahren, und die Zgorzelecer nach Görlitz. Für die einen ist es billiger, für die anderen wohl Prestige.

Trotz des schlechten Wetters sind die Stadtführungen in Görlitz gut besucht. Auf fünf Minuten Spaziergang kommen an die drei Stadtführungen, die den Weg kreuzen. Gruppen von 15 bis 20 Personen hören unterschiedlich engagierten Tour-Guides zu und staunen über die rasante Entwicklung am östlichen Ende Deutschlands. Derjenige, der das dazugehörige Buch geschrieben hat ist Frank Vater, der drei Läden Fußgängerzone aufwärts von Dagmar Nolte ein Antiquariat betreibt.

Antiquariate sind für mich immer eine der ersten Anlaufstellen in einer Stadt. Antiquariate und Kinos sind ein präziser Seismograph über den geistigen Zustand einer Stadt, sie machen etwas sichtbar, das sonst nur durch viele Gespräche und lange Anwesenheit erahnbar wird. Mit Vater entwickelte sich ein schönes Gespräch über Pariser Busfahrpläne aus den 1930-er Jahren, und darüber, warum es in Görlitz so schwer ist einen alten Reiseführer über Görlitz zu bekommen, dem entgegen jedoch so einfach einen aus Paris oder Florenz.

Ich vermute, das dies im direkten Zusammenhang mit der doppelten Wende, dem Niedergang der DDR und später der Öffnung zu Polen und der damit verloren gegangenen Vergangenheit und einer unsicheren Identität zu tun hat. Dazu die Goldgräberstimmung, die immensen Fördermittel, die nach Görlitz geflossen sind und all die Probleme, die eine verhältnismäßig kleine Stadt zu tragen hat. Ein deutliches Symbol der letzten Krise ist das ehemals zum Karstadt-Konzern gehörende Kaufhaus am Demianiplatz, in dessen Nähe ich meinem Freund WP einen Aufsatz von Stefan Wackwitz „Selbsterniedrigung durch Spazierengehen“ kopiert habe.

Allein an diesem Kaufhaus kann die Görlitzer Geschichte der letzten hundert Jahre minutiös nachgezeichnet werden. 1913 Eröffnet hat es zwei Kriege überstanden und war ohne nennenswerte Unterbrechung durch mindestens drei gesellschaftliche Systeme gekommen, am vierten ist es dann gescheitert. Die Ökonomie der Bundesrepublik Deutschland hat das geschafft, was kein System, kein Krieg vorab vermochte. Das ist ein deutliches Zeichen. So ist dieses wundervolle Haus, ein Tempel des Konsums, wo die Waren, ähnlich dem Lafayette in Paris nicht ausliegen sondern inszeniert, nicht verkauft, sondern gekauft wurden, dem Verfall preisgegeben. Man muss der Parfümerie, die als letzter Laden im sonst leerstehenden Haus die Stellung hält, Dank sagen, das dadurch die Türen offen stehen, um dieses Kleinod von innen bestaunen zu können.

Das Wetter auf dem Spaziergang passte sich zusehends der gefühlten Wirtschaftslage an und spülte uns in einige Hauseingänge, Innenhöfe und Ladengeschäfte zum aufwärmen. Das Hochglanz-Görlitz strahlte keine weiteren Reize auf uns aus, so stolperten wir, kurz vor der Abreise, in die Orientalische Teestube von Uma Zimmermann.

Uma ist eine quirlige und sehr lebensfrohe Frau, die vor 16 Jahren aus Indien nach Görlitz gekommen ist. Sie ist mit einem Rheinländer verheiratet und wie einige, mit denen wir sprachen, hier gestrandet. Rückblickend ist uns als erster Eindruck vom Görlitzer Stadtbild die markante Zeichensprache der Rechten und deutliche Aufforderungen der Linken, rechte Kreise zu zerschlagen, aufgefallen. Zudem begegnet man in den Randgebieten um das Zentrum vielen Thor Steinar- und Lonsdale- Kleidung tragenden jungen Männern wie Frauen.

Wenn man dann die Begeisterung Umas für Görlitz hört, ihre leuchtenden Augen sieht, wenn sie davon schwärmt, wie schön es hier ist, wie wohl sie sich fühlt, sind die zwei Bilder einer Stadt kaum vermittelbar. Die Stimmung war so herzlich, die Einladung einen Chai nach der Tradition ihrer Mutter zu trinken, so freundlich, dass ich diese nicht mit der mich doch interessierenden Frage nach ihrer Einschätzung und persönlichen Erfahrung mit Rassismus und Diskriminierung in Görlitz trüben wollte. Die Begeisterung steckte an.

Uma betreibt, wie schon erwähnt eine Orientalische Teestube im Kern der Stadt, ganz in der Nähe von St. Peter und Paul. Auch hier wieder große Gemütlichkeit, Zeit für einen Schnack über Lebenswege, das zurücklassen von etwas, um etwas neues zu erfahren.

Görlitz scheint mir voll von solchen Menschen, den Geschichten und der Offenheit diese zu teilen. Ich kann hier nur mutmaßen, doch kommt es mir so vor, dass die Offenheit auch von meiner Seite erwiedert wurde, was ich auf das langsame flanieren schiebe.

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