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motivation zum nachdenken über stadt
21. Juni 2011, 08:30
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Am Ende meines Studiums angekommen, stelle ich mir immer häufiger die Frage, was ich eigentlich gelernt habe, was mich begeisterte, was ich mitnehme, aber auch  wo ich mich in der Disziplin der Stadt- und Regionalplanung verorte und wo ich mein zukünftiges Betätigungsfeld sehe. Rational bin ich bislang auf keine Antwort gekommen, aber kognitiv, beim Laufen beim Öffnen der Sinne.

Wir leben nicht in einem leeren, neutralen Raum. Wir leben, wir sterben und wir lieben nicht auf einem rechteckigen Blatt Papier. Wir leben, wir sterben und wir lieben in einem gegliederten, vielfach unterteilten Raum mit hellen und dunklen Bereichen, mit unterschiedlichen Ebenen, Stufen, Vertiefungen und Vorsprüngen, mit harten und mit weichen, leicht zu durchdringenden, porösen Gebieten. Aus Michel Foucault – Die Heterotypien

Städte haben mich schon immer angezogen. Ich hatte eine Faszination für das große, undurchschaubare, den Teppich in dem unzählige Knoten zu einem gesamten Gewebe verknüpft sind, unüberschaubar. Alles hat seinen Platz und seine Funktion.

Ich bin stundenlang herumgestreift und habe versucht mir diesen Kosmos erklärbar zu machen und die einzelnen Teile in einen Sinnzusammenhang zu bringen. Ich habe versucht aus diesen Teilen Ableitungen zu machen für den Ort, für den Stadtteil und für die gesamte Stadt.

Ohne es zu wissen habe ich mich einiger Methoden aus der Stadtforschung bedient: Ich habe teilnehmende Beobachtungen durchgeführt, Umgebungen kartiert, unzählige Fotodokumentationen und Klangpolaroids erstellt.

Around the seminar table, whenever Allan or some of the other graduate students ventured an opinion, they risked having Mr.Park look at them owl-eyed and inquire, “Vas you dere, Cholly?” Robert Ezra Park nach Rolf Lindner – Die Entdeckung der Stadtkultur

In meinem Studium dann begegnete ich zuerst Robert E. Park, Jane Jacobs und Kevin Lynch. Sie alle begeisterten mich sehr mit ihrer Herangehensweise, ihrer radikalen Forderung des Vor-Ort-Seins. Ich begann herumzustreifen und ließ die Orte, in denen ich mich gerade befand auf mich einwirken. Langsam bewegte sich etwas in meinem Kopf und ich begann zu verstehen.

Später dann stellte ich eine große Faszination für mein näheres Umfeld fest. Ich erlief mir zu erst Berlin, dann Stuttgart und mittlerweile jede Stadt, die ich besuche. Ich lernte Lucius Burckhardt kennen, die Kasseler Gesamthochschule, später die berühmten Berliner Flaneure, Hessel und Benjamin, ich beschäftigte mich mit dem Wesen des Flanierens.

Der Weg führte mich über die Literatur von u.a. Charles Baudelaire, François Villon, Max Frisch, Richard Brautigan und Texte von Cees Nooteboom, erst zurück dann wieder nach vorne. Ich las Kleist, Eichendorff, Arnim, Günderode, die ganzen Romantiker mit ihrem Drang unterwegs zu sein, ebenso wie die Beat-Literaten Borroughs, Ginsberg, Kerouac, die ähnlichen Motiven folgten.

Hinschauen musste ich lernen, denn auch Cartier-Bresson oder Zille wären nicht bekannt als Dokumentare der Zeit und des Zeitgeistes ohne das flanierende, das hinschauende Werk, aber nicht nur sie, auch Mario von Bukovich, Walther Ruttmann oder Billy Wilder hatten diesen hungrigen Blick, in diesem Fall auf Berlin. So lernte ich mich auszusetzen und präzise zu Beschreiben mit Bukowski, Bachmann und Auster, und interessierte mich für das nahräumliche Reisen.

Die Bilder von Edward Hopper und die Photos von Stefanie Schneider inspirierten mich. Ebenso wie das Kulturphänomen der Lomografie; Momentaufnahmen, die durch den Zufall entstehen und in Massen hergestellt werden. Aus vielen kleinen Notizen entsteht ein mögliches großes Ganzes. Die erzählte Geschichte liegt im Auge des Betrachtenden, entsteht in dessen Kopf.

Flaneure mögen vielleicht keine Macht haben, aber sie brauchen auch nicht zu Rechnen, keine Rechenschaft abzulegen. Sie machen ihre täglichen Runden, sie sehen, sie hören zu, sie schauen. Vielleicht sehen sie manchmal mehr als der Politiker in seinem Büro. Vielleicht lohnt es sich manchmal, ihnen zuzuhören: Durch ihre Sohlen spricht der Bürgersteig, die Lebensader jeder Stadt. Aus Cees Noteboom – Die Sohlen der Erinnerung

Ich stolperte über Guy Debord und die Situationisten, lernte Dèrive kennen und mitterweile bin ich selbst Flaneur. In regelmäßigen Abständen verliere ich mich in der Stadt. Nachdem ich „Verirren“ von Passig/Scholz gelesen habe, habe ich eine Begeisterung für das Verirren im nahen, bekannten Umfeld entdeckt und übe mich darin, die mir bekannten Räume neu zu bereisen und kennen zu lernen.

Verirren fordert eine sehr hohe Aufmerksamkeit und Wachheit. Das Wissen und die Sinne müssen gut zusammenarbeiten, Zeichen erkennen und deuten, Spuren lesen und Situationen richtig einschätzen gehört zur Basisausrüstung des sich verirren Wollenden. So habe ich gelernt, dass die Stadt auch sinnlich erfahrbar ist und die Sinne auf vielfältige Weise anspricht, etwas auslöst.

Auf diesem Weg bin ich vor kurzem in der Ethnographie gelandet und beschäftige mich gerade mit dem photografischen Blick von Martin Kohler (HCU Hamburg) und der Entdeckung der Stadtkultur von Rolf Lindner (HU Berlin).

Verhindern von Bauten als wichtige Planungsaufgabe; unsichtbares Design; die unnötigen Wünsche von BewohnerInnen ernst nehmen; den “Lösungen” der Fachleute misstrauen; Entscheidungen aufschieben oder unscharfe Nutzungskonzepte entwickeln; prozesshafte Planung als Möglichkeit die komplexe Wirklichkeit in der Planung zu reflektieren. Stichworte aus Lucius Burckhardt – Wer plant die Planung

Wenn ich diesen Ausschnitt aus meinem Studium und die damit verbundene Begeisterung reflektiere, komme ich nicht umhin mir aufrichtig einzugestehen, dass es keine andere Möglichkeit gibt als diese, die Begeisterung in meiner Diplomarbeit, dem Ende meiner universitären Berufsausbildung, fortzusetzen. Mein Diplom soll alles das zusammenfasen, was ich in diesem Studium erkannt habe, ausprobieren und erfahren durfte.

Das Studium der Stadt- und Regionalplanung am ISR, die Prägung, sowie der Widerstand gegen die Umdeutung von Städten in Marken, gegen eine bloße Verwertungsethik, die Forderung nach ehrlicher und aufrichtiger Beteiligung auf allen Ebenen der räumlichen Planung und vieles mehr, macht es notwendig über Umstände und Voraussetzungen von Raumproduktion nachzudenken. Voraussetzungen auch und insbesondere des sich beteiligen wollen und können.

In diesem Zusammenhang habe ich festgestellt, dass, und hier schließt sich der Kreis, dass es für eine menschengerechte Planung unumstößlich ist sich als Planer mit dem sensiblen Stadtkörper, seinen Mikro- und Makroräumen, den räumlichen Funktionen, den Bildern und Abbildern des Raums, den Lebewesen, dem Klang, der Sprache, den Gerüchen und Geschmäckern auseinander zu setzen und vertraut zu werden. Der Planer muss vor Ort die räumlichen Zukünfte entwickeln und all die Eindrücke mit seinem Wissen koppeln. Er muss sich für den konkreten Ort sensibilisieren und seine Wahrnehmung schulen, die Geschichte studieren, die Menschan nach ihren Geschichten und denen des Ortes befragen, er muss seine Erkenntnisse mit den Wünschen der Menschen vor Ort rückkoppeln. Das und nicht weniger ist meine Forderung, das ist das, was ich gelernt habe.

Die paradigmatische Trennung unseres Wahrnehmungssystems in fünf Sinne ist nicht selbstverständlich, wenn Wahrnehmung immer gleichzeitig multisensorische Erfassung der Wirklichkeit bedeutet. Enge oder Belebtheit einer Straße zu ‚fühlen’, resultiert nicht aus der einfachen Addition fünf unterschiedlicher Sinneseindrücke, sondern ist ein komplexer Gesamteindruck, der subjektive Empfindungen einschließt. Aus Hiebsch, Schlüter, Willkomm – Sensing the Streets

Ich denke seit längerer Zeit über eine Wahrnehmungsschule nach. Die Wahrnehmungsschule ist eine Ergänzung zur Lehre an der Universität und auch selbst als Akademie gedacht; allerdings als mobile Akademie. Eine Akademie, die vor Ort die spezifischen Themen des Ortes herausfindet und diskutiert.

Die Studierenden bauen sich zu erst ein eigenes Sitzmöbel aus Materialien, die die Stadt ihnen zu Verfügung stellt. Im Anschluss werden sie von jungen Planenden und Studierenden angeleitet und im wahrsten Sinne des Wortes laufen gelassen.

Dieses Konzept erstelle ich gerade mit einem kleinen Team aus Nürnberg, den [t]Raumforschern, denen ich angehöre. Die grundsätzliche Idee ist, stark verkürzt, ausgehend von der Blochschen Deutung des Traums als Möglichkeitsraum, als gedachte zukünftige Realität, neue Formen der Beteiligung zu erfinden und erproben.

Zusammen mit Kunstschaffenden, SoziologInnEn, ArchitektInnEn, Planern und Planerinnen, FotografInnEn und SozialarbeiterInnEn werden Formate erdacht, die die Menschen vor Ort einbinden und, was mir im speziellen ein Anliegen ist, es wird eine Vorstufe zur erfolgreichen Beteiligung etabliert, die Raumwahrnehmungsschule:

Die sinnliche Wahrnehmung ist „das Eingangstor der Welterfahrung“. sie wird von klein auf erst haptisch und kurz darauf kognitiv und sozial ausgeprägt. Wahrnehmung heißt den eigenen Fokus auf eine bestimmte Sache zu lenken und diese wahrzunehmen, aber auch wahrgenommen zu werden. Aus der Wahrnehmung entsteht der Sinn für kommunikative Prozesse, der in Wechselwirkung von aktiven und passiven Sub- sowie Objekten ausgeht und sich zwischen den Wahrnehmenden und dem Wahrgenommenen entspinnt. Daraus ergibt sich ein fortwährend wachsender Erfahrungsschatz der es ermöglicht das eigene Denken kontinuierlich weiterzuentwickeln und an der Schaffung und Gestaltung der eigenen Erlebenswelt nach den eigenen Vorstellungen mitzuwirken.

In diesem Sinne ist die Schulung der Wahrnehmung zum einen eine lebenslange Aufgabe, die für die Betrachtung und aktive Gestaltung der subjektiven Lebensumstände eine zentrale Rolle spielt, zum anderen der Schlüssel zur qualifizierten Beteiligung an lebensumfeldprägenden Prozessen.

Aus dieser Erkenntnis sehe ich die Schulung der Wahrnehmung als die Voraussetzung einer erfolgreichen Beteiligung an räumlichen Prozessen, sie ist der Kern meines Schaffens und die Essenz dessen, was ich aus dem Studium in mein Berufsleben mitnehme.

 

 

 

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